Verpacken war gestern

Selbst wer beim Großeinkauf im Supermarkt auf die umstrittene Plastiktüte verzichtet, steht zu Hause vor einem riesigen Berg Verpackungsmüll. Um den zu minimieren, sprießen seit zwei Jahren in Deutschland so genannte Unverpackt-Läden aus dem Boden, wo Kunden statt abgepackter Ware ihren Einkauf in Gläsern und Dosen selbst dosieren können. Den ersten Hessens eröffnet ein Ehepaar aus Wiesbaden am Wochenende in der Landeshauptstadt.

Wiesbaden. Von der Baustelle, die noch Anfang der Woche den neuen „Bio Unverpackt“-Markt in Wiesbaden beherrscht, soll schon am Wochenende nichts mehr zu sehen sein. Das zumindest ist das Ziel von Bettina und Wolfgang Meudt, die sich hier gerade auf die feierliche Eröffnung am Samstag vorbereiten. Etliche Behälter muss das Wiesbadener Ehepaar noch mit Waren befüllen, diese erstmal nach und nach von den Lieferanten entgegennehmen und weitere Regale aufbauen, damit die Kunden auch alles schnell finden.
Der Markt, den die beiden Wiesbadener in der Innenstadt gerade noch mit Tapeten in Holzoptik dekorieren lassen, ist kein gewöhnlicher Biomarkt: „Wir wollen hier auch komplett auf Verpackungen verzichten und bieten ausnahmslos alle Waren lose an, so dass die Kunden sich alles selbst abfüllen können“, erklärt die Chefin und zeigt, anhand der bereits aufgebauten Regale wie das funktionieren soll. Hier reihen sich durchsichtige Kunststoffbehälter aneinander, die mit den Waren befüllt werden. „Die Kunden können sich das gewünschte Produkt dann mit einer Schippe herausnehmen oder in ihre eigenen Behälter hineinrieseln lassen“, so die ehemalige Verwaltungsangestellte, die schon jetzt davon überzeugt ist, dass ihr Konzept nicht nur bei den Wiesbadenern ankommen wird. „Schließlich ist das verpackungsfreie Einkaufen ein Trend, der in den vergangenen Jahren ganz Deutschland erreicht hat.“ Dass sie und ihr Mann in Hessen die ersten sind, die den Schritt wagen, macht sie stolz. Zumal er für sie eigentlich nur daran erinnert, wie Menschen in Tante Emma-Läden schon vor Jahrzehnten einkaufen.
„Auf diese Art und Weise kann hier jeder genau das einkaufen, was er braucht. Wir haben Gläser und Dosen hier im Laden, die die Kunden neben dem breiten Sortiment dazukaufen können. Wer gut mit Behältern versorgt ist, bringt einfach von zu Hause eigene Gefäße mit“, erklärt Meudt, die damit Lebensmittelabfälle und Verpackungsmüll den Kampf ansagen möchte.
Ihre größtenteils regionalen Lieferanten haben die Meudts kurz vor der Eröffnung natürlich schon alle zusammen. „Die zu finden, war aber gar nicht so leicht“, sagt auch der 58-jährige Wolfgang Meudt, der sich an lange Diskussionen mit Händlern erinnert: „Was nützt es uns denn, wenn die Lieferanten uns alles in kleinen Verpackungen schicken und wir dann den Plastikmüll hier loswerden müssen, um die Behälter aufzufüllen?“, sagt der ehemalige Informatiker und zeigt große Säcke, in denen die Meudts nun stattdessen all ihre Lebensmittel einkaufen. „Das geht von Süßigkeiten über Backzutaten bis hin zu Reis und Nudeln.“ Dazu kommt auch eine Auswahl an saisonalem Obst und Gemüse und Getränken – ebenfalls von Bauern, Kelterern und Winzern aus der Region, sowie Pflegeprodukte wie Shampoo und Seife. Ab Ende Juli soll ein Bistro mit Frühstücks- und Mittagsangebot sowie Käsetheke dazukommen, um das sich neben den Chefs auch drei Teilzeitkräfte kümmern werden.
Für das Ehepaar Meudt ist mit dem Laden ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen, auf die Eröffnung am Samstag fiebern sie trotz des großen Bergs an Arbeit, der noch vor ihnen liegt, hin. „Lebensmittel und Waren in Bioqualität zu bekommen, ist die eine Sache, die sich seit Jahren schon zum Positiven entwickelt“, sind sich die beiden einig. „Mit der Möglichkeit ohne Verpackungsmüll einzukaufen bietet unser Laden dann schon den nächsten Schritt zum nachhaltigen Leben“, sagt die 51-Jährige und verspricht: „Eingeschweißte Biogurken wie im Supermarkt, das wird es hier nie geben“.

Erschienen in: Frankfurter Neue Presse

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*