Kommentar

Es gibt Tage, an denen könnte man platzen. Für mich ist heute einer davon. Nicht nur dass mein Krankenkassensatz hochgestuft wird, mir wohl bald eine fiese Zahn-OP bevorsteht und ich auch sonst gerade nach gut anderthalb Jahren ohne einen wirklichen Urlaub, allgemein nicht sonderlich entspannt bin… Nein. Heute musste ich auch noch in der Zeitung lesen, dass derjenige, der heute noch Geisteswissenschaften studiert selbst schuld ist daran, dass ihm ein Kampf auf dem Arbeitsmarkt droht. Na vielen Dank.

Nun kann ich da ja als Geisteswissenschaftlerin und Freiberuflerin, die in genau diesem Bereich arbeitet, etwas mitreden… Und ja es stimmt: Es ist nicht lustig mit einem Abschluss in Sprachwissenschaft, Philosophie, Geschichte und all jenen Fächern, die Menschen, die sich dafür interessieren, dennoch aus Leidenschaft studieren. Und ja es stimmt, dass berufliche Chancen nicht vom Himmel fallen, gerade wenn man außerhalb seines Studiums keine praktischen Erfahrungen gesammelt hat, weil man nicht konnte oder wollte.

Aber!

Mir reicht es inzwischen wirklich, dass man sich immer wieder von den gleichen Menschen anhören muss, dass die Geisteswissenschaften in diesem Land nichts mehr zählen. Dass es eine brotlose Kunst und ein halsbrecherisches Unterfangen ist, sich darauf einzulassen, dass man sich mit einem „of Arts“ hinter seinem Studienabschluss, für den man – man entschuldige meine Wortwahl – genauso scheiße hart arbeiten musste, wie ein Jurist, ein Ingenieur oder jeder junge Mensch der durch eine Ausbildung seinen Weg gefunden hat, nun eben mal leider nichts kaufen kann.

Ich sehe es jeden Tag, wie es zum Beispiel läuft im Journalismus und in der Verlagswelt (einem beliebten Feld, in dem Geisteswissenschaftler nach ihrem Studium landen wollen) und ich weiß sehr wohl um die Probleme in der Branche, die wir täglich beobachten. Die Abonnenten sterben aus, junge Leser kommen kaum welche nach, ein Großteil der Bevölkerung klick sich, wenn er sich über die neuesten Ereignisse informieren will, einfach über die Online-Portale all jener Medien, die am schönsten in Superlativen und Großbuchstaben über die wichtigen Dinge im Leben berichten: Dschungelcamp, Bachelor oder die schönsten Gerüchte über all jene Gefahren, die uns hierzulande in den nächsten zwei Wochen wieder erwarten. Es gibt tausende Menschen, die dennoch weitermachen mit gutem Journalismus, die Geschichten aufspüren, die zum Nachdenken bringen, informieren über die Breite der Dinge, die hierzulande und überall auf der Welt passieren, unabhängig und nach eigenem Ermessen diese Geschichten zu Papier bringen und dabei fest daran glauben, damit ein Stück weit, die Welt verändern zu können. Es gibt diese Menschen und ich gehöre dazu, auch wenn man nicht jeden Tag Luftsprünge macht, um morgens aus dem Bett zu kommen und es nicht jeden Monat gleicht leicht fällt, seine Miete, Steuern und Versicherungen zu bezahlen.

Das was diese Menschen, was wissenschaftliche Mitarbeiter, Lektoren, Geschichts- und Politikwissenschaftler, Autoren, Fotojournalisten, Studien- und Berufsberater, Markt- und Gesellschaftsforscher und nicht zuletzt alle Arten von Redakteuren täglich tun, ist nicht mit heraushängender Zunge einem weit entfernten Ideal eines Dichter- und Denker-Deutschlands nachzuhechten, sondern eine Grundlage dafür zu schaffen, dass unsere Gesellschaft nicht völlig verblödet. Und zwar nicht nur was die Intelligenz betrifft, sondern auch das emotionale Niveau, das in diesem Land herrscht. Denn wenn es nur noch Menschen gäbe, die sich mit Zahlen, Paragraphen, Entwürfen, Machtspielchen und Profitmaximierung auseinandersetzen würden, sähe es ziemlich dunkel aus auf unserer schönen Welt.

Der Kern unseres ganzen Zusammenlebens ist die Kommunikation zwischen den Menschen. Bricht die Kommunikation zusammen, gibt es keine Spezialisten mehr, die zwischen Sprachen und Kulturen vermitteln und übersetzen können, stirbt die Kunst aus, ist es mit wichtigen Informationen und Impulsen, die jeder in seinem Leben gut gebrauchen kann – ob Bäcker, BWLer oder Buchhalter – schlagartig aus und vorbei. Ohne all das kann eine Gesellschaft im Kleinen nicht funktionieren, eine globalisierte Welt im Großen erst recht nicht.

Natürlich ist die Konkurrenz groß auf dem Arbeitsmarkt, die gut bezahlten Stellen dagegen selten und der Druck riesig, der schon während dem Studium auf jungen Menschen lastet, die nicht am ersten Unitag mit ziemlicher Sicherheit sagen können „Ich werde Arzt / Anwalt / Lehrer / Wirtschaftsprüfer“. Und natürlich gibt es auch immer wieder Dozenten und Professoren, die nicht sonderlich viele ermutigende Worte für ihre Studenten übrig haben. Aber es gibt Chancen. Auch wenn der Weg steinig ist. Und vor allem bin ich überzeugt davon, dass sich die Lage verbessern kann, wenn es gelingt, die Wertschätzung für dir tägliche Arbeit von Geisteswissenschaftlern wieder anzukurbeln, statt sie als unwirtschaftlich oder gar brotlos abzuwinken.

Und darum… Liebe Abiturienten, die ihr gerade Prüfungen schreibt und euch im Sommer für die Uni bewerben wollt, liebe Vernunftmenschen, die ihr vielleicht einst auf Sicherheit studieren wolltet und euch in eurem Gebiet nun doch nicht bis zur Rente zu Hause fühlen wollt: Lasst euch nicht von derlei Thesen entmutigen und zieht euer Ding durch! Natürlich müsst ihr gut sein, natürlich müsst ihr mit Herzblut bei der Sache sein und am besten in drei Feldern gleichzeitig noch während dem Studium Punkte für den Lebenslauf sammeln, statt in den Semesterferien zu faulenzen oder zu reisen. Sehr wahrscheinlich werdet ihr auch nicht mit mittlerem fünfstelligen Gehalt ins Berufsleben einsteigen. Aber bitte überlegt euch, ob sich der Versuch, das zu tun, was man für richtig und nicht für wirtschaftlich hält, doch nicht vielleicht lohnen könnte. Gerade am Anfang seines Lebens alle Illusionen über Bord zu werfen, wäre schade.

Und da auch ich mich – optimistisch, und sogar ein klein wenig statistisch gedacht – noch im ersten Drittel desselben befinde, höre ich jetzt auf mich aufzuregen. Und mache weiter wie gehabt. Und wenn ein Stein oder ein schlaues Plädoyer gegen die unzeitgemäßen Geisteswissenschaften kommt auf dem Weg des Lebens: einfach mal drüber hüpfen!

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