Sie wollen Frankfurt zur Musicalstadt machen

Seit Jahren spielt das Rhein-Main-Gebiet in der Musicalszene allenfalls eine Nebenrolle. Das wollen Marina Pundt (27) und Stephan Huber (26) mit ihrer Produktionsfirma „Off-Musical Frankfurt“ ändern. Im Interview sprechen sie über die deutsche Musicalszene und welche Rolle Frankfurt dabei spielen kann.

Noch in diesem Herbst soll das mit dem Tony-Award ausgezeichnete Stück „Hedwig and the Angry Inch“ in der Brotfabrik, im kommenden Januar dann das „Green Day“-Musical „American Idiot“ in der Batschkapp Premiere feiern. Wie kamen Sie auf die Idee, Musicals dahin zu bringen, wo normalerweise Bands auf der Bühne stehen?

STEPHAN HUBER: Dass wir nach dem Studium beide nach Frankfurt wollten, stand eigentlich schon relativ früh fest. Genau wie der Wunsch, selbst Broadway-Musicals in Deutschland zu produzieren. Als es dann um die Suche nach Veranstaltungsorte ging, die kleiner als die En-suite-Theaterpaläste sind und gleichzeitig zur Musical-Vorlage passen, sind uns diese Orte eingefallen, die beim Frankfurter Publikum noch dazu beliebt sind. Warum sollte man keine großartige Infrastruktur nutzen, wenn sie in einer Stadt wie Frankfurt schon vorhanden ist? Aber sowohl Batschkapp als auch Brotfabrik sind bereits thematisch besetzt, sind alles andere als typische Musical-Spielorte.

MARINA PUNDT: Dass die Idee aufgeht, zeigt ja allein die Tatsache, dass die Ansprechpartner der beiden Veranstaltungsorte so offen waren, uns als Neulingen direkt diese Chance zu geben. In der Brotfabrik sind bislang 16 Vorstellungen geplant, in der Batschkapp acht. Man holt sich als Veranstalter nicht einfach ein solches Experiment ins Haus, wenn man nicht davon überzeugt ist, dass es auch tatsächlich ein Erfolg wird.

Wenig Konkurrenz, breites Einzugsgebiet

Dabei liegt Frankfurt in Sachen Musical traditionell weit hinter Städten wie Hamburg, Stuttgart und Berlin.

HUBER: Das stimmt, ist aber auch die große Chance des Musicalstandorts. Hier gibt es neben wenig etablierter Konkurrenz auch ein breites Einzugsgebiet und – wie unsere Aufführungsorte zeigen – viel Offenheit für Neues. In einer Stadt, wo jeden Abend hunderte Zuschauer in etablierte Produktionen wie „Der König der Löwen“ oder „Tanz der Vampire“ strömen, ist es schwieriger aufzufallen. Die Entscheidung, in Frankfurt einfach etwas völlig anderes zu machen, war eine ganz bewusste. Die – das haben die vergangenen Tage gezeigt – auch für einige Aufmerksamkeit sorgt.

Gerade die Ankündigung der deutschsprachigen Uraufführung von „American Idiot“ hat ganz schöne Wellen geschlagen. 

PUNDT: Darüber wurde deutschlandweit berichtet, auch von Musikmagazinen, was uns ziemlich überwältigt hat. Dabei steht aber vor allem die Diskussion im Vordergrund, ob der Punkrock von „Green Day“ als Musical und auf Deutsch funktionieren kann. Was das Musical angeht, kann man nur sagen, dass spätestens die Tony-Verleihung 2010 das bewiesen hat, als „American Idiot“ zweimal ausgezeichnet wurde und in der Kategorie „Bestes Musical“ nominiert war. Wie die deutschen Texte beim Publikum ankommen, muss sich tatsächlich noch zeigen. Aber wir sind von der Übersetzung von Titus Hoffmann restlos begeistert. Auch als „Green Day“-Fans, die die Musik bislang nur mit den Originaltexten kannten.

Warum herrscht hierzulande denn Musicals gegenüber immer noch eine so große Skepsis? 

PUNDT: Musical bedeutet für Menschen in Deutschland oft immer noch reines Unterhaltungstheater, das sicherlich die ein oder andere schöne Botschaft beinhaltet, verglichen mit dem Sprechtheater oder der Oper aber relativ seicht ist. Um das ganz klar zu sagen: Dieses Bild wird dem Genre absolut nicht gerecht. Leider sind es natürlich gerade die Großproduktionen, die ein großes Publikum finden müssen und ihren Teil zu der öffentlichen Wahrnehmung der Kunstform beitragen. Gleichzeitig nehmen auch mehr und mehr Stadttheater Musicals ins Programm auf, setzen dabei aber auf Klassiker wie „My Fair Lady“ oder „Hair“ weil Experimente nach hinten los gehen könnten.

Keine Scheu vor ernsten Themen

Was wollen Sie mit „Off-Musical Frankfurt“ anders machen? 

HUBER: Dabei ist das Musical am Broadway inzwischen ein ganz anderes und über die letzten Jahre ziemlich erwachsen geworden. Es wird sich genau wie im Schauspiel mit wichtigen, ernsten Themen beschäftigt, die nur anders in Szene gesetzt werden. Dass man davon in Deutschland noch nicht allzu viel zu sehen bekommt, ist sicherlich eine Hürde. Genau darum ist es uns so wichtig, auch Stücke dieser Art wie eben „Hedwig“ oder „American Idiot“ nach Deutschland zu holen. Wir wollen dabei helfen, ein etwas ausgewogeneres und facettenreicheres Bild des Genres zu zeichnen.

Aber wollen das nicht die Musical-Fans sehen? Wer ist denn ihre Zielgruppe? 

HUBER: Was uns beschäftigt, ist die Tatsache, dass Musicalbesuche über die vergangenen Jahre immer teurer geworden sind. Sie sind nur noch für richtige Fans und Gutverdiener eine Option. Spontan mal etwas Neues auszuprobieren, einfach weil einen das Thema oder die Musik reizt, macht diese Entwicklung immer schwieriger. Wir wollen das Genre auch für Menschen öffnen, die vielleicht noch nicht wissen, dass Musicals ihnen womöglich gefallen könnten. Studenten mit kleinerem Einkommen etwa oder Menschen, die sich auch bei Konzerten gerne Livemusik anhören, vor dem Stempel Musical bislang aber zurückgeschreckt sind, weil er einfach klischeebehaftet ist. Daher sind uns auch erschwingliche Eintrittspreise wichtig.

PUNDT: Da orientieren wir uns auch etwa am Londoner Westend, wo es Last-Minute-Plätze zum ganz kleinen Geld gibt. Stehplatzkarten gibt es dann kurz vor der Aufführung für 9 Euro.

Erschienen in Frankfurter Neue Presse

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