Schicksale in Regalen

Die Literatur über den Zweiten Weltkrieg ist gewaltig. Drehbücher, Biografien und Unterrichtsmaterial erzählen von Gräueltaten, Verblendung und einer ideologischen Überzeugung, die Soldaten dazu brachte, an den Fronten des „Dritten Reichs“ zu kämpfen. Aber was ist mit den Geschichten der Menschen, die sich zu ihrem Kriegseinsatz nicht mehr äußern konnten oder wollten? Im Bestand der Deutschen Dienststelle (WASt) finden nicht nur Angehörige Antworten.

Berlin. Die Recherche beginnt in einem Labyrinth von Metallregalen. Der Raum ist groß – sicher über 80 Quadratmeter – und dennoch sind die Gänge darin schmal und eng. An beiden Seiten des Raums stehen Regale, die kiloweise Kisten mit Dokumenten tragen. Durch die Fenster zum Hof fällt Licht in die Reihen, wo die Boxen mit Aufklebern versehen sind. Zeichen- und Zahlenkombinationen markieren die Behälter, auf denen auch Namen stehen: Schulz, Karl bis Schulz, Karl, Schulz, Paul bis Schulz, Paul. Darin: Je 1000 Karteikarten von Menschen, die sich nicht nur einen Namen teilen, sondern auch ihre Erfahrungen  als Soldaten für die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

Die Kiste mit der Bezeichnung K 1433 ist die, für die ich nach Berlin gefahren bin. Konrad, Ludwig bis Konrath, Reinhard steht auf dem weißen Aufkleber an der Frontseite. Die vorderste Karte – die von Konrad, Ludwig Anton – halte ich in der Hand. Die Karte eines Marine-Unteroffiziers, 1916 geboren, der sich mit 19 Jahren – schon vor Kriegsbeginn – zum Marinedienst gemeldet hatte. Die Karte des Mannes, bei dem ich über 50 Jahre später einen Großteil meiner Kindheit verbrachte – mein Großvater.

18 Millionen Personen

Die beiden Räume mit den vielen Kisten – die Zentralkartei – sind der Ort, in dem bei der Deutschen Dienststelle (WASt) in Berlin jede Recherche nach einem Namen beginnt. Die Kistennummern, die den jeweiligen Anfangsbuchstaben der Namen der rund 18 Millionen geführten Wehrmachtsangehörigen enthalten, sowie der Standort innerhalb der Kiste gehören zu den wenigen Informationen, die die rund 250 Mitarbeiter der Behörde über eine elektronische Datenbanksuche finden können. Danach beginnt die Puzzle-Arbeit. Auf den Karten verzeichnet sind einzelne Stationen des Werdegangs, die Beschriftung der Erkennungsmarken, die der Soldat mit sich führen musste. Darunter: Notizen zu Abfragen, die zu dem Datensatz gemacht wurden. Auf der Karte meines Großvaters steht mit Bleistift neben seinem eigenen – er brauchte wohl in den 1970er-Jahren selbst Informationen für die Rentenkasse – auch meiner.

„Private Anfragen stellen heute den Großteil der Antäge dar, die wir bekommen“, erklärt Amtsleiter Söchtig, als ich ihn vor meiner Spurensuche in seinem Arbeitszimmer treffe. Söchtig ist interessiert an meinen Beweggründen, geschichtsbegeistert und ehemaliger Mitarbeiter der Luftwaffe. Als Amtsleiter der WASt, die mit vollem Namen „Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“ heißt, hat er sich beworben, nachdem er in den Ruhestand versetzt worden war. Seit 2009 leitet er die Behörde und ist immer wieder über die Menge an Nachfragen erstaunt, die in den letzten Jahren weiter zugenommen hat.

Rund 800 Anfragen gehen hier pro Woche ein. So viele, dass die Mitarbeiter, deren Anzahl sich in den letzten zehn Jahren um über ein Drittel dezimiert hat, kaum hinterherkommen. „Als entschieden wurde, Stellen zu streichen, war man davon ausgegangen, dass das Interesse an den Einzelschicksalen zurückgehen wird und wir in einigen Jahren hauptsächlich Daten verwalten, statt große Mengen Auskünfte zu erteilen. Dann kam das Thema durch Jahrestage wieder in den Medien auf, der ZDF-Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ machte gerade die Enkel- und Urenkelgeneration neugierig. Die Anzahl an Anfragen explodierte“, erklärt WASt-Sprecherin Birgit Wulf.

Dass es oft Monate dauern kann, bis bei privaten Anträgen eine Antwort kommt, liegt daran, dass bei der Bearbeitung Prioritäten gesetzt werden müssen. Basiert die Anfrage auf rechtlichen Interessen – etwa bei Todeserklärungsverfahren in einer Erbschaftsangelegenheit – oder handelt es sich um Anfragen von Ermittlungsbehörden, die Informationen zu möglichen nationalsozialistischen Gewaltverbrechen benötigen, werden die Anträge vorgezogen. Was die Auswertung außerdem verzögert, ist die Tatsache, dass alle Dokumente nur in Papierform vorhanden und auf das über 16 000 Quadratmeter großen Gebäudes, einer ehemaligen Waffen- und Munitionsfabrik im Stadtteil Reinickendorf, verteilt sind. Immerhin handelt es sich dabei um rund 4300 Tonnen Akten- und Karteimaterial. Das entspricht einer Strecke von 56 Kilometern Papier.

Entsprechend lang hat auch Axel Betten, der Leiter des auskunftgebenden Referats, gebraucht, bis er sämtliche Dokumente zu meinem Großvater beisammen hatte. Die DIN-A5-große Karteikarte aus der Zentralkartei gibt Anhaltspunkte, an welchen Stellen nach Informationen zu suchen ist. Dann geht es in die verschiedenen Räume des Areals, wo schränkeweise Unterlagen einer Art verstaut sind: Stammdatenblätter der Soldaten, Krankenakten, Kriegsgefangenenunterlagen, Listen mit Zu- und Abgängen in den einzelnen Truppen, die während der Kriegsjahre wöchentlich von Kommandanten erstellt wurden. Erst wenn der Mitarbeiter alle Daten, die es zu einer Person gibt, zusammengesucht hat, entsteht das Gesamtbild, das mir auf drei A4-Seiten als Zusammenfassung mitgegeben wird.

Betten ist Marinespezialist, erklärt mir die Unterlagen, die auf dem Tisch eines Besprechungsraumes ausgebreitet sind, geduldig, hilft beim Entziffern der Handschriften von Vorgesetzten und Ärzten. „Sie haben Glück, dass ihr Großvater bei der Marine war, denn die Abteilung gehört aufgrund der so genannten Stammrollen zu denen, die am besten dokumentiert sind“, sagt er mir. Und tatsächlich finde ich von Namen der Eltern über die damalige Wohnadresse bis hin zu Größe und Brustumfang auf der Stammrolle alles, was es damals über „Konrad, Ludwig Anton“ zu wissen gab. „Haare: dunkelblond. Augen: braun. Nase: normal. Zähne: gesund. Dialekt: bairisch“, so ist es in der vierseitigen Dokumentation vermerkt.

Auf den folgenden Seiten sind Ausbildunghäfen, Lehrgänge, Schiffe und Gefechte eingetragen, über Jahre immer wieder mit unterschiedlicher Tinte und Handschrift geschrieben. Seine Marinekarriere begann als Heizer, binnen sechs Jahren war er zum Obermaschinenmaat aufgestiegen und hatte etliche Lehrgänge hinter sich. In seiner Zeit auf dem schweren Kreuzer „Admiral Hipper“ war er zwischen dem 7. und 13. April 1940 an der Besetzung Norwegens beteiligt, eine Zeit, über die mir seine selbstgebauten Schiffsmodelle wohl mehr verrieten als er selbst. Jetzt habe ich Anhaltspunkte, um in historischen Dokumenten herauszufinden, was er dort erlebte.

Wer Antworten über das Warum sucht, wird bei der Deutschen Dienststelle zwar nicht fündig, erhält mit den Informationen aber ein lebendiges Bild, wie das Leben des geliebten Menschen in dieser Zeit ausgesehen hat. Eine Krankenakte aus dem Juni 1939 bringt mich zum Schmunzeln: Mein Großvater lag fünf Tage lang mit Mandelentzündung im Marinelazarett Kiel-Wik. Ich scherze, dass ich dann ja wisse, wem ich die mehrmals jährlich wiederkehrenden Halsschmerzen zu verdanken habe.

Mit den Informationen und Kopien im Gepäck führt mich Birgit Wulf noch eine Weile durch die Abteilungen der WASt. Ich lerne Petra Franke kennen, eine Frau mit starkem Berliner Akzent, die seit vielen Jahren hier arbeitet und in dieser Zeit eine Leidenschaft für die Spurensuche entwickelt hat. Sie arbeitet hauptsächlich mit den so genannten Erkennungsmarkenverzeichnissen, den Listen, die die Kommandeure an die Zentrale der WASt schicken mussten, von wo aus Angehörige von Gefallenen benachrichtigt wurden.

Auch heute ist das eine Aufgabe der WASt. „Dass Soldatengräber gefunden und die Leichen aufgrund ihrer Erkennungsmarken identifiziert werden können, passiert noch immer in unregelmäßigen Abständen“, erklärt Wulf. Dann macht die WASt überlebende Angehörige aus, die vom Fund benachrichtigt werden: „Auch einen alten Koffer eines französischen Kriegsgefangenen, der kürzlich auf einem Speicher gefunden wurde, konnten wir zuordnen und an die Nachkommen übergeben.“
Dass die Dokumente noch immer in so gutem Zustand sind, verdankt die Behörde einer Reihe von Umzügen, die zum Teil in Nacht-und-Nebel-Aktionen geschehen mussten. Die zu Kriegsbeginn 1939 in Berlin gegründete „Wehrmachtsauskunftsstelle für Kriegerverluste und Kriegsgefangene“ – daher die Abkürzung WASt – wurde bereits 1943 aufs Land verlegt und die Dokumente in Saalfeld und Meiningen aufbewahrt. Im Juli 1945, kurz bevor Thüringen durch sowjetische Truppen besetzt wurde, gelangten die Unterlagen durch den Eingriff der US-Streitkräfte nach Fürstenhagen bei Kassel und von dort aus 1946 wieder zurück nach Berlin.

Vor Zerstörung bewahrt

Nachdem aber auch hier in der von US-Streitkräften besetzten Zone bald der Befehl gegeben wurde, die Dokumente zu vernichten, griffen Henry Sternweiler, damals Major der US-Streitkräfte und sein Pendant der französischen Armee Armand Klein zu einer außergewöhnlichen Maßnahme: Sie ließen das gesamte Dokumentenarchiv nach Reinickendorf in den französischen Sektor Berlins verbringen, wo die Dokumente bis heute in Sicherheit sind. In einer Behörde der Stadt Berlin, wohlgemerkt: ein Kuriosum, das noch immer daran erinnert, dass im geteilten, isolierten Berlin vor der Wende keine Behörden der Bundesrepublik eingerichtet werden durften. Da sie Bundesaufgaben wahrnimmt, wurde sie zunächst durch das Bundesministerium des Inneren und seit 2012 aus dem Haushalt der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien finanziert.

Spektakuläre Fälle

Die Aufgaben der Deutschen Dienststelle bleiben indes die gleichen, denn dass das Interesse an der Zeit des Zweiten Weltkriegs und die Recherchearbeit seiner Mitarbeiter mit der Zeit abebben werden, daran glaubt Hans-Hermann Söchtig schon lange nicht mehr. Motivation, die großen Mengen an Anfragen zu bearbeiten, geben Erinnerungen wie diese, die zu Söchtigs Lieblingsgeschichten zählt: Eine junge Frau wird einige Jahre vor Kriegsende als Marinehelferin nach Norddeutschland berufen. Sie vertraut ihr Baby einer Freundin an, die Berlin vor den Luftangriffen noch rechtzeitig verlassen kann. In den Wirren der Nachkriegsjahre gelingt es nicht, die Tochter wiederzufinden, und die junge Mutter wandert nach Australien aus, um ein neues Leben zu beginnen. Sie heiratet, gründet hier eine neue Familie. Dass ihr Kind als Kriegswaise adoptiert wurde, wusste sie nicht.

Zum 50. Geburtstag der Tochter erfährt sie von ihren Eltern von der Adoption. Eine Anfrage bei der WASt nach dem Namen der Mutter bleibt zunächst ergebnislos, da die Frau als vermisst gilt. Der Kontakt der Tochter wird jedoch auf der Karteikarte in einer der Boxen notiert. Einige Jahre später erfragen die australischen Behörden, ob für die Frau Rentenansprüche in Deutschland bestehen, und der Kontakt wird hergestellt – nach fast 60 Jahren.

Meine eigene Geschichte endet da zugegebenermaßen etwas unspektakulärer, aber nicht minder interessant.

erschienen in Frankfurter Neue Presse

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