Seine Bühne ist die Hauptwache

Mit dem anbrechenden Frühjahr tummeln sich auf der Zeil wieder die Straßenmusiker. Ein ganz besonderer Anblick ist der Pianist, der mit seinem Flügel in unregelmäßigen Abständen an der Hauptwache musiziert. Wir haben Marcel Kuipers bei seinem jüngsten Besuch begleitet.

Es ist kurz nach zwölf als Marcel Kuipers (46) und sein Kollege Joep Monsieur (63) am Thurn und Taxis Palais auf der Großen Eschenheimer Straße ankommen. Der Flügel steht auf einem Anhänger, seine beiden Chauffeure freuen sich über die Beinfreiheit nach fast 300 Kilometern auf der Autobahn. Sie rauchen erstmal eine Zigarette, bevor sie sich ans Ausladen des Instruments machen.

Monsieur ist Kuipers Nachbar im niederländischen Venlo und seit etwa anderthalb Jahren mit dem Pianisten Kuipers unterwegs. Als Schreiner hilft er ihm auch immer mal wieder, wenn auf die Schnelle etwas ausgebessert oder verändert werden muss. Demnächst wollen sie einen Teppich auf dem Rollpodest, auf dem der Flügel festgeschraubt ist, verlegen. Zum Verladen werden an diesem Podest Seile festgemacht, die den mehr als 150 Jahre alten Flügel sicher aus dem Hänger führen und ihn auch abends wieder hineinziehen. „Das geht alles automatisch“, erzählt Monsieur, der inzwischen in Rente ist und seinen Nachbar gerne bei seiner Tour durch ganz Deutschland unterstützt.

Eingespieltes Team

Auf die Frage, warum sie nur in Deutschland gastieren, weiß Kuipers eine Antwort. In den Niederlanden seien die Regeln oft viel strenger als in Deutschland, außerdem sei es in Großstädten wie Amsterdam fast unmöglich, einen Parkplatz zu bekommen, um auszuladen. Auch hier in Frankfurt ist das natürlich nicht ganz einfach. Aber Kuipers und Monsieur haben sich an ihre Abläufe gewöhnt. Sie kommen am Thurn und Taxis Palais an, laden den Flügel aus, Kuipers fährt zum Abkuppeln des Anhängers zum Hotel und kommt danach zur Hauptwache. In der Zwischenzeit wartet Monsieur eine halbe Stunde mit dem Flügel auf der Straße.

Von 13 bis 19 Uhr spielt Kuipers jeden Tag, den er auf Tour ist – mit kurzen Pausen. Wie viele Stücke er genau im Repertoire hat, weiß der 46-jährige, der seit 30 Jahren Klavier spielt gar nicht so genau. Er spielt, wonach ihm ist, manchmal erfüllt er auch Publikumswünsche, von Zuhörern, die schon seine beiden CDs kennen. Die erste hat er vor zwei Jahren aufgenommen, die zweite ist vor drei Wochen frisch aus der Presse gekommen. Er baut aber immer wieder neue Stücke in sein Programm ein. Eine der ersten Melodien, die er beim letzten Mal nach seinem Eintreffen spielte, war der „Earth Song“ von Michael Jackson. Ein Lied, das er erst am Vortag einstudiert habe, erzählt Monsieur einem der Zuhörer.

Vom Wetter abhängig

Die Straßenmusik ist Kuipers einzige Einnahmequelle und er weiß es zu schätzen, dass er von seinem Traumberuf leben kann. Seit seinem 19. Lebensjahr arbeitet er als Konzertpianist. Seit knapp einem Jahr ist der 46-jährige selbstständig und ist die meisten Wochenenden in deutschen Großstädten unterwegs – wenn es das Wetter zulässt. An den Tagen, an denen er nicht spielen kann, ist Kuipers mit dem Einstudieren neuer Stücke und Verwaltungsaufgaben wie Steuerbriefen und Gema-Verträgen beschäftigt. An deutschen Feiertagen spielt er auch gerne in der Fußgängerzone seiner niederländischen Heimatstadt Venlo, die nur 35 Kilometer von Mönchengladbach entfernt, direkt an der Grenze zu Deutschland liegt. An diesen Tagen wimmelt es dort nämlich von deutschen Touristen. Kuipers, der gerade auf der Suche nach einem Künstlernamen ist, ist Profi. Eine richtig Tourplanung hat er dennoch nicht: Dafür ist sein Geschäft zu wetterabhängig.

Auf Probleme mit den Behörden stößt Kuipers selten. Man muss sich nur auf die Gegebenheiten der einzelnen Städte einstellen, meint der Niederländer. Frankfurt ist für ihn auf jeden Fall einer der Lieblingsorte zum Spielen. Die Menschen, die er trifft, sind nett und offen, bei Ordungshütern ist er gerngesehen und genug Einnahmen, um über die Runden zu kommen, hat er in Frankfurt meist auch.

Stammhörer kommen

Inzwischen gibt es hier sogar schon einige Stammhörer. Die 16-jährige Julija Pajic etwa freut sich immer besonders, wenn Marcel an der Hauptwache steht. Die Frankfurterin bringt sich seit zwei Jahren selbst das Klavierspielen bei. Alles, was sie kann, hat sie auf Youtube gelernt. Als sie Marcel das erste Mal gesehen hatte, fragte sie noch ganz schüchtern, ob sie auch etwas spielen darf. Seitdem darf sie öfters mal an die Tasten. Marcel nutzt diese Momente für kleine Pausen und gibt ihr nach dem Vorspielen auch gerne einige Tipps. Die beiden verabschieden sich schon wie alte Bekannte mit „Bis zum nächsten Mal!“ Das nächste Mal wird sich nicht allzu lang auf sich warten lassen…

erschienen in: Frankfurter Neue Presse