Ihr Wohnzimmer ist die Dippemess

Für Kinder üben Rummelplätze hierzulande schon seit Generationen eine ganz eigene Magie aus. Doch wie empfinden Schaustellerkinder, für die sich der Alltag auf dem Rummel abspielt, das Leben zwischen Losbuden, Gebrannten Mandeln und Achterbahn? Die Kinder der Frankfurter Dippemess haben uns einen Tag lang mitgenommen.  

Wenn sich am Wochenende etliche Kinder mit ihren Eltern auf den Weg zum Ratsweg machen, um Wildwasser- und Geisterbahn zu fahren oder vom Riesenrad aus die Welt von oben zu betrachten, sind Marie (11) und ihre Freundinnen Jolie (8) und Lilly (10) schon mittendrin. Für sie und ihre Familien ist mit dem Beginn des größten Volksfests in der Rhein-Main-Region die spannendste Zeit des Jahres angebrochen – die Zeit, in der man zumindest zeitweise vom festen Wohnsitz in den Wohnwagen umzieht. Und der steht auf dem Festplatz, wo die Eltern ihre Fahrgeschäften oder Stände aufgebaut haben.

Es ist ein neues Zuhause mit angeschlossenem Spielplatz, wie es sich so manches Kind in seinen kühnsten Träumen nicht besser ausmalen kann. Schräg gegenüber vom Mandelstand von Maries Eltern geht es in die Geisterbahn, keine Gehminute entfernt wirbelt der „Breakdancer“ seine Fahrgäste wild umher. Für die drei Mädchen ist es Ehrensache, dass dabei so gut wie alles ausprobiert wird und sie den Großteil der Osterferien draußen verbringen.

Dass die Dippemess’ zum größten Teil in die Ferien fällt, macht die Sache auch für Maries Eltern, Markus und Monika Eiserloh, um einiges einfacher: „In der Aufbauwoche, die wir schon im Wohnwagen am Ratsweg verbracht haben, habe ich die Kinder jeden Tag zur Schule nach Bruchköbel gefahren“, erzählt Mutter Monika Eiserloh und freut sich, dass dieser Weg nun zwei Wochen lang wegfällt und der Nachwuchs auf dem Festplatz bleiben kann.

„Viele andere Schaustellerkinder besuchen auch wechselnde Schulen an den verschiedenen Standorten oder werden von den sogenannten Bezirkslehrern im Wohnwagen unterrichtet. Mit unserer Jahresplanung klappt es aber, dass die Kinder immer in derselben Klasse bleiben können und somit auch zu Hause ihren festen Freundeskreis haben“, erzählt die 36-Jährige, die genau wie ihr Mann Markus Eiserloh selbst aus einer Schaustellerfamilie stammt.

Kostenlos fahren

Auch Maries Bruder Max (13) ist mit den beiden gleichaltrigen Jungen Mike und Paul den Großteil des Tages draußen unterwegs: Vom Autoscooter geht es in die Wildwasserbahn, dann weiter zum Taumler, den die Schaustellerkinder „Hopser“ nennen. „Langweilig wird es nicht, denn die Fahrgeschäfte sind ja immer wieder andere“, sagt Max und denkt in diesem Jahr an den Freifallturm „Skyfall“, der zum ersten Mal in Frankfurt steht und bei den Jugendlichen besonders hoch im Kurs liegt. „Als Schaustellerkinder dürfen wir auf den Plätzen in der Regel kostenlos fahren“, erklärt Max. „Ausnahmen hier auf der Dippemess’ sind Donnerstag und Sonntag, wenn viele Familien das Fest besuchen, da müssen wir uns eine andere Beschäftigung suchen.“

Vom Fußballspielen im Park bis zum Helfen am elterlichen Stand oder bei befreundeten Schaustellern haben die Geschwister Max und Marie dabei einige Optionen: „Für uns ist es eine Ehre, einen Großteil des Jahres auf dem Rummel zu verbringen“, sind sich Max und Marie einig. „Meine Eltern und auch die Generationen vor ihnen haben etwas aufgebaut, worauf wir wirklich stolz sein können. Davon ein Teil zu werden, indem man auch als Kind und Jugendlicher schon mal fragt, wie man mithelfen kann, ist ein tolles Gefühl“, sagt Max. Er hat im vergangenen Jahr selbst das Mandelbrennen gelernt und erfindet gemeinsam mit seiner Schwester bereits neue Sorten, die das Rezeptbuch der Eltern mit mehreren hundert Geschmacksrichtungen erweitern.

Tradition fortführen

Die Entscheidung, das Familiengeschäft und damit die Schausteller-Tradition weiterzuführen, die wollen Monika und Markus Eiserloh den Kindern überlassen: „Natürlich freuen wir uns, wenn sie sich am Ende für unseren Lebensweg entscheiden und die Arbeit weiterführen, ich bin aber auch ein großer Unterstützer, wenn junge Leute auch etwas anderes ausprobieren wollen“, sagt Monika Eiserloh, die selbst eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert und sich danach für die Rückkehr entschieden hat. „Die Kindheit hier, die eine ganze Menge an Selbstständigkeit mitbringt, wird Marie und Max – egal wie sie sich entscheiden – niemand mehr nehmen“.

Mit dem Ende der Dippemess’ geht es zumindest für Max, Marie und ihre Eltern erstmal wieder nach Hause. „Wir sind das, was man in Schaustellerkreisen als Kirchturmreisende bezeichnet, also immer nur in einem recht engen Radius unterwegs“, erklärt Monika Eiserloh, warum die Familie mehr zu Hause sein kann als viele Kollegen. Vier Rummelplätze sind es, bei denen es sich lohnt, einige Wochen in den Wohnwagen zu ziehen, „bei den restlichen Märkten gehen wir morgens arbeiten und kommen abends nach Hause wie andere Eltern auch.“ Dennoch sind die wenigen Wochen auf Reisen mit ein Grund, warum Marie und Max den Schausteller-Alltag lieben: „Danach muss ich wohl erstmal wieder lernen, ohne die laute Musik außen herum einzuschlafen“, erklärt Marie und grinst.

Erschienen in Frankfurter Neue Presse