Hilfe in der größten Not

Das Leben auf der Straße ist ein besonders hartes. Und es ist ungesund. Bereits seit 1993 gibt es darum die Elisabeth-Straßenambulanz der Caritas. Die Mitarbeiter und hilfreiche Ärzte widmen sich hier der medizinischen Versorgung Wohnungloser. Die Möglichkeiten haben sich zwar verbessert, aber noch immer ist die Hilfe für obdachlose Frauen und Männer notwendig. 

Die Straßen der Stadt nennt Jeugenij Masinskij schon eine ganze Weile sein Zuhause. Vor drei Jahren sei er hergekommen, erzählt der Litauer, der jeden Tag und jede Nacht im Freien verbringt. Meist schläft er unter Brücken oder auf Parkbänken. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er trotz gut 20 Grad Außentemperatur auch in der Obdachlosenambulanz, wo wir ihn an diesem Tag treffen, seine Jacke anbehält.

„Die Zeit einzuschätzen fällt schwer, wenn man keine Bleibe, keine Arbeit und keinen geregelten Tagesablauf hat“, weiß Maria Goetzens, die als Ärztin bereits seit 20 Jahren in der Elisabeth-Straßenambulanz arbeitet. Fast von Anfang an ist sie hier dabei und hat geholfen, das Projekt aufzubauen. Sie kennt Masinskij gut. Er kommt oft zur Behandlung, hatte schon eine schwere Herzerkrankung, an der er fast gestorben wäre. Ob er nun seit drei Jahren ist Frankfurt ist oder schon länger, kann hier niemand sagen.

In der Kartei der Ambulanz tauchen die Obdachlosen erst auf, wenn sie hier erstmals Hilfe gesucht haben. Oft tragen die Menschen ihre Leiden vorher schon eine Weile mit sich herum. Zur Vorgeschichte, wie der Mann in Frankfurt und auf der Straße gelandet ist, kann sie nichts sagen, „darüber redet er nicht.“ Auch nicht mit uns.

Doch eigentlich ist das bei dem Anlass seines Besuchs in der Ambulanz nicht verwunderlich. Schließlich sind vor Zahnarztbesuchen nicht nur Obdachlose wie er wenig gesprächig. Masinskij hat einen Termin bei Dr. Eckhard Minner, der sich alle paar Wochen einen Tag frei nimmt, um Obdachlose zu behandeln. Minner macht das ehrenamtlich, wie viele seiner Kollegen, die hier regelmäßig zu Gast sind. Er wird an diesem Tag einen Abdruck des Gebisses des Obdachlosen machen, der aus dem Spendentopf der Straßenambulanz ein neues Gebiss erhalten soll. Seine eigenen Zähne seien schon seit langer Zeit schlecht und müssten gezogen werden – zum Zähneputzen komme er unter der Brücke eben selten, sagt er. Leisten könnte sich der Obdachlose die Behandlung ohne die Hilfe niemals: „Allein im Labor fallen da sicher 600 Euro an“, erklärt Minner.

Kein Unterschied

Für den Zahnarzt macht es wenig Unterschied, ob er Obdachlose oder normale Patienten behandelt. In fast 40 Jahren als Zahnarzt hat der 68-Jährige schon einige „Baustellen“ gesehen. Er ist froh, dass er helfen kann – hier, wo ermöglicht wird, dass auch Menschen ohne Krankenversicherung Hilfe bekommen. Ein Kollege hat ihm von der Einrichtung erzählt, wo er seit 2014 ehrenamtlich mitarbeitet – als einer von über 20 Zahnärzten im Team.

„Der Ort ist in der Obdachlosenszene in Frankfurt bekannt“, sagt Goetzens. Er ist einer der wenigen, die hier fest angestellt sind und sich von der Terminplanung bis zu der Behandlung um alles kümmern. „Doch viele sind zu stolz, sich Hilfe zu holen und kommen auf den letzten Drücker oder gar wenn es zu spät ist“. Auf einem Tischchen im Warteraum liegt ein Gästebuch, wo die Obdachlosen – mal in krakeliger, mal in überraschend guter Schrift – Einträge machen. Da ein Dankeschön, hier eine Erinnerung an einen verstorbenen Weggefährten. An der Pinnwand daneben hängen Todesanzeigen. „Die Lebenserwartung auf der Straße liegt bei Mitte 50“, sagt Goetzens. Sie und ihre Kollegen kümmern sich täglich um die medizinischen Notfälle im Haus, ein Zahnarzt ist nur an Dienstagen und Donnerstagen zwischen 9 und 12 Uhr im Haus. Um den Rest kann sich das Team aus Ärzten, Pflegern und Sozialarbeitern, das werktags zwischen 9 und 13 Uhr im Einsatz ist, selbst kümmern – auch wenn es nicht immer leicht fällt.

So zum Beispiel, als am frühen Morgen die Tür der Station aufgeht und Manfred Kastl den Raum betritt. Es gibt keinen, dem seine Anwesenheit im Haus entgehen könnte, denn je länger er bleibt, desto penetranter wird der Gestank, den er verbreitet. Ein Nebeneffekt des Lebens auf der Straße zwischen Dreck und Fäkalien. Auch die anderen Obdachlosen schauen ihn angewidert an, dabei sollten ihre Nasen solchen Geruch gewöhnt sein . . .

Wunden und Gestank

Krankenschwester Angela Eurich ist kurz davor, ihn wegzuschicken, bevor er sagen kann, was er eigentlich will. Er wolle duschen, sagt er. An seinen Füßen klaffen offene Wunden, in denen sich Dreck gesammelt hat. Kastl ist seit Wochen in kaputten Sandalen unterwegs. Schon auf dem Weg in die Straßenambulanz muss er alle paar Meter rasten. Er kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Eurichs Kollegen nehmen ihn mit: „Für so einen Fall braucht man einen verdammt guten Tag, an dem man hart im Nehmen ist“, sagt die Krankenschwester, die seit 15 Jahren hier arbeitet. Bei ihr ist das heute nicht der Fall.

Um die 1400 Patienten zählt die Elisabeth-Straßenambulanz jährlich. Im vergangenen Jahr waren es davon allein 610, die zum ersten Mal kamen. Im Vergleich suchen hier viel mehr Männer als Frauen Hilfe; nur knapp 16 Prozent beträgt der Frauenanteil in den Behandlungsräumen. Ein Großteil der Patienten ist zwischen 40 und 59 Jahre alt und kommt aus Bulgarien, Rumänien oder Polen. „35 Prozent der Patienten, die wir hier behandeln, sind Deutsche. Die Folgen der Wirtschaftskrisen in den europäischen Nachbarländern spiegeln sich also auch bei uns wider“, steht s im Jahresbericht 2014, den die Caritas-Straßenambulanz herausgegeben hat.

Finanziert werden die Behandlungen vor allem aus Spendengeldern. Auch auf Medizin- und Zahnarzt-Fachhandlungen, die regelmäßig Material und Medikamente spenden, ist die Straßenambulanz angewiesen. „Einige der Patienten, die hier Hilfe suchen, sind auch krankenversichert, davon darf man aber bei unseren Patienten meist eher nicht ausgehen“, sagt Goetzens aus Erfahrung. Jemanden, der das nicht verdient hätte, gibt es für die 56-Jährige, die nicht nur Ärztin sondern auch Ordensschwester ist, nicht.

Das sieht man auch an Manfred Kastl, der inzwischen frisch gebadet ist. Er ist seit Jahren ein schwieriger, wenn auch liebenswerter Fall für Goetzens und ihr Team. Seine Füße stecken in dicken Verbänden, der Rest von ihm in einem viel zu großen Jogginganzug. Eine Kollegin durchwühlt die Kleiderkammer nach passendem Schuhwerk. Kastl trägt Größe 48, es fällt ihm schwer, Schuhe zu bekommen, die passen. Diesem Umstand schreibt er auch die Wunden an seinen Füßen zu. Und seiner Rastlosigkeit, denn Frankfurt ist nur einer der vielen Punkte auf der Reise des 58-Jährigen. An einem Ort bleiben, das will er nicht und als man ihm vor einigen Monaten einen Platz im Altenheim besorgt hatte, war er nach wenigen Wochen ausgebüxt. Uns erzählt er mit schwäbischem Akzent, man hätte ihn „einbuchten“ wollen.

Tasse Kaffee zum Abschied

Gesund sind weder Kastl noch Masinskij, als sie die Behandlungsräume der Caritas-Straßenambulanz verlassen und sich noch auf einen frisch gebrühten Kaffee in den Empfangsraum der Einrichtung setzen. Ob Goetzens und ihre Kollegen diese beiden Menschen wiedersehen werden, ist nicht sicher. Denn das Leben auf der Straße ist hart. Und alle Mitarbeiter und Ärzte wissen, dass sie niemanden dazu zwingen können, sesshaft zu werden. Das weiß auch Angela Eurich. „Was aus den Menschen wird, ist dann ihre Sache“. Vielleicht hilft ihnen dabei aber der Gedanke, zu wissen, wo sie Hilfe bekommen können, wenn es wirklich notwendig ist.

Erschienen in: Frankfurter Neue Presse

 

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