Eine Institution in Gefahr

Seit vielen Jahren ist das „Zweitausendeins“ am Kornmarkt eine Frankfurter Institution. Hier gibt es nicht nur ausgewählte Bücher, Musik und Filme, sondern vor allem auch Werke lokaler Künstler. Nun steht der Laden vor dem Aus, wenn nicht noch ein kleines Wunder geschieht. 

Frankfurt. Für jeden Frankfurter gibt es Orte in der Stadt, die er besonders zu schätzen weiß. Das Lieblingscafé etwa oder ein Baum im Park, unter dem man im Sommer die Decke ausbreitet, die Stammkneipe – oder einen Laden, in dem man besonders gern einkauft. In vielen Fällen sind das Orte, die so selbstverständlich geworden sind, dass ein Frankfurter sie erst so richtig vermissen würde, wenn es sie nicht mehr gäbe. Für viele Literatur-, Musik- und Filmfreunde ist das „Zweitausendeins“ am Kornmarkt in der City ein solcher Ort. „Und den könnte, wenn alles schiefgeht, ab dem nächsten Jahr so mancher vermissen“, orakelt Geschäftsführer Konrad „Konny“ Künkel. Und das ist nicht einmal übertrieben.

Lange Tradition

Was das Aus des „Zweitausendeins“ für ihn bedeuten würde, offenbart sich bei einem Blick in das Regal im Keller des Geschäftes, in dem Künkel die alten „Merkhefte“ sammelt – es sind die Programmhefte des deutschlandweit tätigen Versandhandels, die früher alle zwei Wochen erschienen. Heute passiert das nur einmal im Monat. Die gesamte Ladengeschichte liegt in den Regalbrettern. Darunter etwa die aktuelle Ausgabe Nummer 290: Das Hörbuch zu Casanovas Autobiografie „Geschichte meines Lebens“, die DVD zum Oscar-Favoriten „Boyhood“ und eine vierbändige Schuber-Edition von Douglas Adams Kultstoff „Per Anhalter durch die Galaxis“ – alles ist im „Zweitausendeins“ erhältlich.

„Die Mieten in der Innenstadt sind hoch, und die Kunden werden weniger“, nennt Robert Egelhofer, Künkels langjähriger Freund und Kompagnon, die Gründe für ein drohendes Aus. Beide sind wahre Urgesteine in der Unternehmensgeschichte. Egelhofer begann seine Laufbahn noch während seines Studiums 1977 in der Freiburger Filiale, er wechselte bald nach Berlin und schließlich nach Frankfurt in die Personalabteilung. Künkel heuerte 1981 nach dem Abitur und Zivildienst erst im Lager in Fechenheim, dann im Frankfurter „Zweitausendeins“, dem ersten Verkaufsgeschäft des Unternehmens, an. „Und hier bin ich hängen geblieben“, erzählt Künkel und blickt auf sein Lebenswerk zurück, das nun vor dem drohenden Aus steht. Wenn nicht noch ein kleines Wunder geschieht.

An diesem Wunder arbeiten Künkel und Egelhofer nun mittels neuer Pläne: „Im Sommer wollen wir einen kleinen, an den Laden angeschlossenen Cafébetrieb starten“, schildert Künkel. Die Genehmigungen dafür wurden gerade bei Stadt und Vermieter eingeholt. Auch kleinere Konzerte könnten vermehrt stattfinden, obgleich diese oft mehr Zeit und Geld kosten, als sie tatsächlich einbringen – eher etwas für Idealisten. „Aber Publikum bringt es dem Laden eben doch immer wieder.“

Idealisten sind die beiden in jedem Fall, die das Geschäft im Juli 2013 als Franchisenehmer von dem Versandhändler und Editionsverlag übernommen haben, um es vor der Schließung zu retten. Begonnen hatte der Verlag zunächst als Versandhandel für Bücher und Schallplatten. Der Name leitete sich von dem Ende der 1960er erschienenen Kultfilm „2001: Odyssee im Weltraum“ ab.

1974 eröffnete das erste Ladengeschäft des Versandhändlers zunächst an der Eschersheimer Landstraße, es zog wenige Jahre später in den größeren Laden am Kornmarkt um. Der Erfolg beim Frankfurter Publikum stellte sich derart schnell ein, dass bald Filialen in Berlin, Freiburg, Hamburg und Mannheim folgten – in Spitzenzeiten gab es neben dem Versandgeschäft 14 Läden deutschlandweit. Mit dem Aufkommen des Internethandels Ende der 90er ebbte der Erfolg des Unternehmens allmählich ab, Filialen wurden nach und nach geschlossen. Die letzte der verbliebenen drei Filialen in Hannover, Berlin und Mannheim schließt 2016 mit Auslaufen des Mietvertrags.

Letzter Rettungsversuch

Dieses traurige Schicksal wollen Künkel und Egelhofer ihrem Geschäft am Kornmarkt ersparen. Sie bauen dabei auf das Entgegenkommen der nach Leipzig umgezogenen Unternehmensführung: „Wir verhandeln gerade über eine letzte finanzielle Unterstützung. Daraus wollen wir das Beste machen, um unseren Kunden erhalten zu bleiben.“ Diese schätzen neben dem klassischen „Zweitausendeins“-Sortiment auch vor allem die „Lokalmatadoren“-Ecke, eigens eingerichtet für Frankfurter Autoren und Musiker. Dort finden sich etwa Stadtteil-Krimis, CDs von „Badesalz“ und den „Rodgau Monotones“ und einiges mehr, was den Frankfurter begeistert. Zudem können Kunden inzwischen Bücher, Filme und Tonträger auch außerhalb des Verlagsprogramms direkt im Laden bestellen.

Vom Umsatzrekord in den frühen 1990er Jahren erzielen Künkel und Egelhofer gerade noch ein gutes Fünftel. Erschwerend hinzu kamen in den letzten Monaten die Pegida-Demonstrationen, die Kunden fernhielten. „Eigentlich hätten wir an diesen Tagen komplett schließen können“, sagt Künkel. Die Lage ist ernst, doch sie wollen sich nicht kleinkriegen lassen. Das sind sie der Ladenhistorie schuldig.