Ein Fantasiesport wird real

Die Welt von „Harry Potter“ zu Gast in Frankfurt: Am Wochenende fand in der Sportanlage Rebstock die dritte Quidditch-Weltmeisterschaft statt. Zauberer und fliegende Besen gab es dort zwar nicht zu sehen, dafür das sportliche Können von 400 Spielern aus 21 Nationen. 

Zwei Minuten haben die Spieler der deutschen Quidditch-Nationalmannschaft in ihrer zweiten WM-Begegnung erst gespielt und dennoch liegen sie bereits 50 Punkte zurück. „Damit war aber bereits vor Anpfiff zu rechnen“, sagt Juliane Schillinger vom deutschen Team. Die Gegner aus den Vereinigten Staaten seien in internationalen Wettkämpfen ungeschlagen, dominieren den Zauberersport. „Da kann man sich als Gegner nicht viel mehr vornehmen, als sich zu präsentieren so gut es geht“, so die Studentin. Die 700 Zuschauer waren dennoch begeistert und feuerten die 400 Spieler aus 21 Nationen lautstark an.

Der Schnatz als Tennisball

Bekannt ist Quidditch aus den „Harry-Potter“-Büchern der britischen Autorin J. K. Rowling. Die Sportart verbindet Elemente aus Handball, Völkerball und Rugby. Gespielt wird mit je sieben Feldspielern pro Team und vier Bällen. Die Spieler versuchen Punkte zu holen, indem die drei Jäger den sogenannten Quaffel – einen Volleyball – durch einen der drei gegnerischen Tor-Ringe werfen. Dies zu verhindern, dafür ist der Hüter zuständig. Jedes Tor bringt 10 Punkte. Zusätzlich gibt es zwei Treiber, die mit „Klatschern“ die gegnerischen Spieler abwerfen, um sie so für eine Weile aus dem Spiel auszuschalten. Während der ganzen Zeit muss jeder Spieler eine Stange zwischen den Beinen haben.

Der wichtigste Ball aber ist der goldene „Schnatz“, der im Buch immer mal wieder übers Spielfeld flattert, bis der Sucher ihn fängt. Aufgrund begrenzter Möglichkeiten in der nicht-magischen Welt müssen dafür unabhängige Extra-Spieler wie die 23-jährige Nicole Stone einen Tennisball, der in einer Socke an ihrem Hosenbund festgemacht ist, verteidigen. Wenn ihn der Sucher einer Mannschaft erwischt, bringt das 30 Punkte, und das Spiel ist zu Ende.

Nicole Stone ist nach dem Spiel noch schwer außer Atem, hat sie doch die beiden Sucher, beide Männer und über einen Kopf größer als sie, ganz schön alt aussehen lassen: „Das Schnatzen mache ich inzwischen seit knapp vier Jahren und um einiges lieber als das eigentliche Quidditch spielen, womit ich ursprünglich angefangen hatte“, erzählt die Engländerin, die über ihre Begeisterung für „Harry Potter“ zu dem Sport fand. „Mir gefällt das Geräusch, wenn auch die stärkeren Jungs auf dem Boden landen“, sagt sie noch, bevor sie schon wieder zur nächsten Partie hetzt.

Für Stone und die anderen Spieler ist klar: Der Sport ist nichts für Weicheier. „Quidditch ist richtig anstrengend und durch die dahinterstehende Fantasiewelt auch geeignet, junge Menschen für Sport zu begeistern“, sagt auch Nina Heise. Die 23-Jährige hat nach einem Auslandsjahr in Southampton (Großbritannien) 2014 in Frankfurt eines der ersten deutschen Quidditch-Teams ins Leben gerufen und ist inzwischen Präsidentin des 20 Mitgliedsvereine zählenden deutschen Dachverbandes. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten wird der Sport seit 2005 gespielt – und das in mehr als 200 Mannschaften.

Funke springt über

Einer von ihnen ist Simón Arends. Der 26-Jährige ist Jäger des US-Teams aus Austin in Texas. Er kam vor rund vier Jahren über Freunde zu dem real gewordenen Zauberersport, den er nur vom Hörensagen kannte: „Ich fand die Besen zuerst einfach nur lächerlich, aber nach einer Weile ist der Funke übergesprungen und Quidditch meine Leidenschaft geworden.“ Dass Frankfurt als Verkehrsknotenpunkt den Zuschlag für die Weltmeisterschaft erhalten hat, freut ihn: „Ich habe mir einige Tage frei genommen, um die Zeit in Europa noch ein wenig zu genießen.“ Neben dem Frankfurter Römerberg stehen auch noch Berlin, Paris und Prag auf der Sehenswürdigkeiten-Liste des Ingenieurs. Das erzählt er, während die Deutschen seinem Team den Schnatz vor der Nase wegschnappen.

Mit diesem Spielende ist der Jubel bei der Nationalmannschaft – trotz einer 40:170-Niederlage – groß: „Unser Ziel war, mindestens ein Mal zu punkten, das hat geklappt“, sagt Heise, die die WM in heimischen Gefilden nach diesem symbolischen Erfolgserlebnis noch ein wenig mehr genießen kann.

Erschienen in: Frankfurter Neue Presse

 

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