Welche Chance hat die Tradition?

Dippemess – der Name des größten Volksfests in der Rhein-Main-Region hat seinen Ursprung im Händlermarkt, der früher zweimal jährlich die Frankfurter Innenstadt mit Leben füllte. Nach und nach kamen Karussells und Nervenkitzel-Attraktionen dazu, die das Fest in die Moderne geleiteten. Im Gespräch mit Karl und Ronny Seifert, Senior- und Juniorchef des letzten Stands, der sich ausschließlich auf den Verkauf von Keramik spezialisiert hat, geht es um die Frage, wie viel „Dippe“ 2018 noch in der Dippemess’ steckt.

Wie viele deutsche Volksfeste beruft sich auch die Frankfurter Dippemess’ auf eine jahrhundertealte Tradition, die in diesem Fall sogar bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Damals lag der Festplatz noch in der Innenstadt, die Veranstaltung hieß Maamess’ und brachte Händler aus dem ganzen Umland in die Stadt, deren Einwohner sich auf dem Markt mit Haushaltswaren eindeckten. Jahre später erhielt das Volksfest deswegen den Namen, den es bis heute trägt – auch wenn die Händler inzwischen in den Hintergrund getreten sind.

Den letzten Stand, der sich rein auf Keramik und Haushaltswaren beschränkt, betreiben Karl Seifert (63) und sein 38 Jahre alter Sohn Ronny, der als Juniorchef des Unternehmens vor einigen Jahren die Leitung übernommen hat. Um die Töpferwerkstatt zu Hause in Königsau, zwischen Mosel, Rhein und Nahe, kümmert sich ein jüngerer Bruder von Vater Karl. Im kleinen Laden, der zur Werkstatt gehört, steht meist auch ein Mitglied der Familie, die das Geschäft inzwischen in vierter Generation betreibt.

Ihren Stand auf der Dippemess’, umgeben von Kindergeschäften, zu finden, ist eigentlich kein Hexenwerk, und dennoch kommt er einem zwischen all den bunten Fahrgeschäften irgendwie auch ein wenig verloren vor.

Im Inneren sind die Wände vollgestellt mit Regalen, auf den Brettern reihen sich kunstvoll verzierte Schalen, Bembel, Töpfe und Teller aus Keramik aneinander. Nicht alle kommen aus eigener Herstellung, betont Ronny Seifert, der durchs Sortiment führt: „Wir arbeiten inzwischen eng mit anderen kleinen Familien-Töpfereien zusammen. Von uns sebst sind hauptsächlich noch die klassisch gestalteten Bembel und die Namenstassen, die seit über vier Jahrzehnten der Verkaufsschlager unseres Geschäfts sind.“ Über 2500 davon haben sie allein zur Dippemess’ dabei, mit fast ebenso vielen Namen. Glaubt man seinem Vater, hat allein er über die Jahre schon so viele davon verkauft, dass statistisch gesehen jeder Frankfurter zwei davon im Schrank haben müsste.

Auch online

„Sieben Euro kostet so eine Tasse, die günstigsten Bembel gibt’s ab 12,50 Euro“, erzählt Karl Seifert, und weiß, dass es vergleichbare Waren für diesen Preis in der Innenstadt auch nur noch von Ständen wie seinem am Weihnachtsmarkt zu kaufen gibt. „Aber auch das ist verständlich, wenn man die Mieten in der Innenstadt betrachtet“, sagt er und ist froh, sich vor Jahrzehnten gegen die Möglichkeit eines Ladens in der City entschieden zu haben. Stattdessen setzen Seiferts seit einigen Jahren auf den Online-Handel: Entgegen dem eigentlichen Trend im Einzelhandel ist das Internet für Töpfer offenbar weniger Gefahr, als Chance. Und die Absatzzahlen des Webshops, den Juniorchef Ronny als gelernter Informatiker vor einigen Jahren selbst programmiert hat, geben der Idee recht.

Denn natürlich führen Faktoren wie das breite Angebot von Haushaltwaren in der City, der veränderte Zeitgeist und der Umzug vom Mainufer an den Ratsweg vor 50 Jahren dazu, dass sich an der Dippemess’ so manches dreht, aber nichts mehr wirklich um die namensgebenden Dippe-Händler. 14 Händler haben in diesem Jahr noch auf dem Platz ihre Stände, Schmuck und Lederwaren sind dabei, Seiferts Nachbar Günter Braun, der ebenfalls seit Jahrzehnten Töpferwaren verkauft, hat sich ans junge Publikum angepasst und bunte Kuscheltiere und Spielzeug ins Sortiment aufgenommen, die den Blick auf die hübschen Töpferwaren fast völlig versperren. Wenn Besucher an die Stände kommen, dann häufig, weil sie sich günstige Handyhüllen erhoffen. „Oder sie kommen gezielt wegen der Händler hierher und schimpfen dann über die schwierige Parkplatzsituation, die dafür sorgt, dass sie ihren Einkauf erstmal eine Weile mit sich rumtragen. Dann kommt es auch vor, dass Menschen zu uns an den Stand kommen und fragen, ob sie die Sachen nicht auch online bestellen könnten“, sagt Seifert, der heute noch zwei Verkäufer für die Dippemess’-Schichten einplant, während es früher einmal acht gewesen sind.

Zahlreiche Arbeitsstunden

Einmal, erinnert sich Karl Seifert, da kam ein Rummelbesucher an den Stand, ging zielstrebig auf die Keramik zu, warf einen Blick auf die Preise: „Für das Geld könne er sich seine Keramik selbst töpfern, hat er gesagt“, sagt Karl Seifert schmunzelnd und denkt an all die Arbeitsstunden, die seit Generationen in der Töpferei Seifert geleistet wurden. Das Gefühl, dass die Menschen zu schätzen wissen, was Töpfer leisten, ist ihm dennoch nicht vergangen. „Unsere Waren kommen auch heute noch gut an, auch wieder bei jungen Leuten“, sagt er. Die Frage ist nur, wie gut geeignet die Dippemess’ als Ort dafür noch ist.

Erschienen in Frankfurter Neue Presse.