Auf der Suche nach dem Ursprung von Hass

In ihrem Buch „Nur wenn du allein kommst“ berichtet die Journalistin Souad Mekhennet über investigative Recherchen und Interviews inmitten des Islamismus. Auf der Buchmesse spricht die gebürtige Frankfurterin über das, was sie trotz großer Gefahren antreibt.

Ohne Zweifel gehört Souad Mekhennet an den Tagen der Frankfurter Buchmesse zu den gefragteren Gesprächspartnern. Kaum ist das Interview auf einer Bühne beendet, steuert die in Frankfurt geborene muslimische Journalistin schon weiter in Richtung der nächsten Halle. In Richtung eines neuen Gesprächspartners, der sie zu ihrem Buch „Nur wenn du allein kommst“ befragen wird. Wobei das Befragen im Alltag doch eigentlich ihre Aufgabe ist.

Das im Sommer erschienene Buch trägt den Untertitel „Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad.“ Die Erfahrungen, von denen Mekhennet schreibt, sind genau das, was sie erlebte, als sie sich immer wieder aufmachte, Antworten auf Fragen zu finden, die sie seit den Anschlägen am 11. September nicht mehr loslassen.

Sie war es, die für die „New York Times“ den Entführungsfall des Deutschen Khalid El-Masri durch die CIA aufdeckte. Gemeinsam mit Kollegen interviewte sie über die Jahre Anführer von Al-Qaida, Taliban und IS, ließ sich mit diesen Männern sogar auf hitzige Diskussionen über Sinn und Unsinn ihrer Missionen ein – und überlebte.

Ihr Kernthema als Redakteurin der „Washington Post“ ist die Sicherheit. Ein Gut, das sie bei eigenen Recherchen inmitten schwer bewaffneter Terroristen immer wieder einbüßen muss, um an Informationen zu kommen.

Ihr Ziel ist es, ihre Reportagen von allen Seiten zu beleuchten, als Muslimin kritische Fragen zu stellen, die andere Kollegen sich nicht zu fragen wagen, mit Menschen zu sprechen, die westlichen Journalisten sonst keine Informationen geben würden und dabei fair und wahrheitsgemäß zu berichten.

Die Sicherheitszone musste sie dabei mehr als einmal verlassen, als sie mit Waffen bedroht oder gar in Ägypten inhaftiert wurde: „Es gab immer wieder Situationen, in denen ich mich gefragt habe, ob ich da wieder rauskomme.“ Auf der Buchmesse trifft Mekhennet kaum einen Gesprächspartner, der auf die Frage verzichtet, was sie antreibt. Und die Frage, wie viel Mut dazugehört, um sich als muslimische Journalistin auf derlei gefährliche Themen zu spezialisieren. Selten umfasst ihre Antwort darauf nicht auch die Anekdote über die Witwe eines Feuerwehrmanns, der bei den Anschlägen am 11. September 2001 sein Leben verlor.

Die Frau war zu einer Gerichtsverhandlung nach Hamburg angereist und stellte im Gespräch mit einer Gruppe Journalisten, zu denen auch sie gehörte, immer wieder eine Frage: Waren Medien und Politik, die die Menschen nicht vor solchem Hass warnten, mitschuldig? Woher kam der Hass der Terroristen? Und warum hassten auch Journalisten und Politiker die Bürger so sehr, dass sie den Anschlag nicht verhinderten? „Dabei hat sie besonders mich als einzige Muslimin in der Gruppe lange angesehen“, erinnert sich Mekhennet. Sie schwor sich daraufhin, Antworten auf die Frage nach dem Hass zu finden, nicht zuzulassen, dass sich weiterhin Menschen von Medien und Politik verraten fühlten.

Auf die Frage, ob sie sich wünscht, dass sich Muslime stärker von islamistischen Anschlägen distanzieren, findet Mekhennet eine klare Antwort: „Wir müssen uns als Gesellschaft von jeder Form von Hass distanzieren, der jeglichem Extremismus eine Plattform bietet“, sagt sie bestimmt und verweist dabei auf alles, was sie in all den Jahren ihrer Arbeit erlebt hat: „Die Schreie einer Mutter die ihr getötetes Kind beweint, klingen immer gleich“, schreibt sie auf der letzten Seite von „Nur wenn du allein kommst“, ihrer eigenen Geschichte: „Wir werden alle in derselben Erde begraben.“

Erschienen in Frankfurter Neue Presse