Auf den Spuren der eigenen Geschichte

Seit über 20 Jahren ist Liora Hilb mit ihrem Kinder- und Jugendtheater „La Senty Menti“ deutschlandweit auf Tournee. Für ihr neuestes Projekt „remembeRing“ erhält die in Tel Aviv geborene Schauspielerin, die seit ihrem siebten Lebensjahr in Frankfurt lebt, kommende Woche den Karfunkel-Preis der Stadt Frankfurt. FNP-Mitarbeiterin Sandra Kathe traf die Theatermacherin in Sachsenhausen und sprach mit ihr über die Auszeichnung und darüber, was das neue Stück mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. 

Frau Hilb, Sie werden kommende Woche für Ihre Arbeit mit dem Karfunkel-Preis geehrt. Was macht diese Auszeichnung für Sie besonders?

LIORA HILB: Ich bin zwar in Tel Aviv geboren, habe aber einen großen Teil meines Lebens in Frankfurt verbracht. Mein Lebensmittelpunkt befindet sich hier in der Stadt. Von dieser Stadt dann mit einem Preis ausgezeichnet zu werden, ist ohnehin ein großartiges Gefühl. Dazu kommt die Tatsache, dass es sich auch bei ’remembeRing’ – dem Stück, auf dem die Jury-Entscheidung basiert – um eine Geschichte handelt, die mir besonders am Herzen liegt.

Inwiefern?

HILB: Weil das Thema schon weit bevor daraus ein Theaterstück wurde ein großer Teil meines Lebens war, da es um meine eigene Familiengeschichte geht. Es geht um die Frage, warum Shoah-Überlebende schweigen, wie es überhaupt möglich ist, dass Erinnerungen trotzdem überleben, und auch wie die Beschäftigung mit dem Thema Shoah auch in der heutigen Zeit aussieht.

Und das anhand einer realen biografischen Geschichte?

HILB: Genau. Das Stück erzählt die Geschichte meiner Großmutter Jenny, die in Auschwitz ermordet wurde. Als junge Frau bekam ich einen Ring von meiner Mutter geschenkt, der Theresienstadt und Auschwitz auf wundersame Weise überstanden hatte. Der brachte mich dazu, mehr über sie herausfinden zu wollen, denn in meiner Familie herrschte das Schweigen. Das Ergebnis ist schließlich im Stück verarbeitet.

Haben Sie tatsächlich herausfinden können, wie der Ring zu Ihnen kam?

HILB: Nein, und ich glaube die Geschichte wird auch ein Geheimnis bleiben. Ich präsentiere im Stück allerdings verschiedene Möglichkeiten, wie es gewesen sein könnte. Das geht von Geschichten, wie andere Familienandenken überdauerten bis hin zu einem Märchen, das die Geschichte des Rings erzählt.

Aber im Stück verarbeiten Sie auch Ergebnisse Ihrer theaterpädagogischen Arbeit mit Jugendlichen.

HILB: Das ist neben der biografischen Geschichte der zweite Aspekt, ja. ’remembeRing’ ist so konzipiert, dass ich auf der Bühne die Geschichte von meiner Großmutter Jenny erzähle und in Videoeinspielen meine Tochter Stella zu sehen ist, die ebenfalls als Schauspielerin arbeitet. Sie präsentiert darin Zitate, Haltungen und Gedanken von Jugendlichen, die sich mit dem Thema befasst haben, aber zum Beispiel auch Ergebnisse theaterpädagogischer Projekte in der Hostatoschule und der IGS Fechenheim, in denen die Schüler Straßenumfragen zum Thema Stolpersteine gemacht haben.

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen dafür plädieren, dieses Kapitel der deutschen Geschichte endlich ruhen zu lassen.

HILB: Und genau solche Dinge spiegelt auch dieser Teil des Stücks wider. Da gibt es Menschen, die überhaupt keine Ahnung haben, was Stolpersteine sind und solche, die den Holocaust sogar leugnen. Dass sich die Jugendlichen allerdings damit beschäftigen wollen und damit selbst entscheiden können, was ihnen in Sache Geschichte wichtig ist, ist ja auch eines der Ziele.

Sie bezeichnen ’remembeRing’ nicht nur als Theaterstück, sondern auch als Recherchearbeit an Ihrer Familiengeschichte. Gibt es etwas, was Sie seit der Premiere des Stücks vor einem Jahr dazugelernt haben?

HILB: Ich habe ja zusätzlich zur Konzeption des Stückes auch daran gearbeitet, für meine ermordeten Familienmitglieder Stolpersteine legen zu lassen. Das führte mich letztlich auch nach Ulm, wo meine Familie vor Deportation und Flucht lebte. Dort habe ich das Stück im Herbst auch aufgeführt. Nach der Vorstellung kamen viele ältere Menschen mit Fotoalben zu mir, die meine Großmutter kannten und mir einige Dinge zu ihr erzählen konnten. Es gab aber auch internationale Kontakte, die sich dadurch ergeben haben.

Gibt es dabei etwas, was Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

HILB: Neben etlichen Familienmitgliedern, die sich dadurch aus den unterschiedlichsten Ländern bei mir gemeldet haben, ist es vor allem ein Kontakt in die USA, der mich erstaunt hat. Eines Nachts bekam ich einen Anruf von einer über 90-jährigen Amerikanerin, die meinen Vater und sogar meine Großmutter tatsächlich noch kannte und mir viel zu ihrem Leben in Ulm erzählen konnte. Wir haben inzwischen auch ein persönliches Treffen geplant, das vielleicht noch einige Fragen beantworten wird.

Beflügelt der Preis auch für neue Projekte?

HILB: Ganz bestimmt. Ohnehin bereite ich gerade schon wieder das nächste Stück vor, das sich ebenfalls mit einem aktuellen Thema, nämlich einer Flüchtlingsgeschichte, beschäftigt. Der Arbeitstitel ist „Welcome, aber…! Von einem Kind, das ankam das Bleiben zu lernen“ und die Premiere geplant für den 3. November im Theaterhaus Frankfurt.

erschienen in: Frankfurter Neue Presse

 

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