Aktualität auf der Bühne

Seit fast einem Jahrzehnt improvisieren und spielen sich die Schauspieler des Kultur- und Theatervereins „Congusto“ durch die Frankfurter Theaterszene. In einer Kooperation mit der Jugendkirche St. Peter bringen sie mit ihrem neuen Theaterprojekt „Ankunftshalle T“ das Stück „Rausch“ von Falk Richter auf die Bühne – ein Werk, an das sich vor ihnen erst ein weiteres Ensemble herangetraut hat. 

Aus den Lautsprechern der Musikanlage in der Jugendkirche St. Peter dröhnt laute Elektromusik, als die Schauspieler der Theatergruppe „Ankunftshalle T“ ihre Startpositionen auf der Bühne einnehmen. Einige von ihnen lehnen an den Bühnenwänden, andere haben auf dem Boden Platz genommen. Die Videoprojektion des Filmemachers Hendrik Schmitt, die ihr Stillleben an der Bühnenrückwand begleiten soll, müssen sich die Schauspieler an diesem Probenabend einige Wochen vor der Premiere noch vorstellen. Genauso wie das Publikum, das ab dem morgigen Donnerstag sehen soll, was sie in den vergangenen Monaten erarbeitet haben.

„Ankunftshalle T“ ist das neueste Produkt aus der Kooperation des 2007 von Schulfreunden gegründeten Frankfurter Theater- und Kulturvereins „Congusto“ sowie der Jugendkirche St. Peter. „Angefangen hat alles im Herbst 2015, als wir beschlossen haben, einen Workshop für das Programm der Jugendkirche zu veranstalten. Im Gegenzug bekamen wir vom Träger die Räume zur Verfügung gestellt“, erzählt Jan Dittgen, der als Regisseur bereits zum zweiten Mal bei Congusto im Einsatz ist. Auch mit Schmitt als Multimediaexperte haben sowohl er als auch der Kulturverein schon mehrfach zusammengearbeitet. Aus dem Workshop heraus entstand für das Team dann relativ schnell der Plan, ein Stück des zeitgenössischen Theaterautors Falk Richter auf die Bühne zu bringen.

Dramatiker eingeladen

Wenn Dittgen erzählt, wie die Entscheidung schließlich auf „Rausch“ fiel – ein Stück, das erst einmal zuvor am Düsseldorfer Schauspielhaus von Richter persönlich inszeniert wurde –, muss er schmunzeln. „Ich war bei einer Lesung von Richter, genau wie zufälligerweise auch eine unserer Darstellerinnen mit ihrer Mutter.“ Letztere begann nach dem Vortrag ein Gespräch mit dem Dramatiker, zu dem sich schließlich auch Dittgen hinzugesellte. „Ich erzählte ihm von der Theatergruppe und dass wir noch zwei seiner Stücke in der engeren Auswahl hätten. Auf meine Frage, welches er denn an unserer Stelle aufführen würde, lautete die Antwort, ohne groß nachzudenken, Rausch“, erinnert er sich. Dass Richter nun auch eine Premiereneinladung erhalten hat, ist für das Team um Regisseur Dittgen Ehrensache.

Zu diesem gehören neben wenigen Neuzugängen viele Stamm-Schauspieler von Congusto, die ihr Hobby inzwischen fast alle zum Nebenberuf gemacht haben.

Kim Reuter und Berna Deniz gehören zum festen Team des Frankfurter Galli-Theaters, Christopher Flach übernimmt regelmäßig kleine Rollen in Frankfurter Tatort-Produktionen und die 21-jährige Lisa Christl steht inzwischen nicht nur vor, sondern als Publizistik- und Film-Studentin auch immer wieder hinter der Kamera.

Occupy, Flüchtlinge, AfD

„Was an einem gesellschaftskritischen Stoff wie ,Rausch’, der zu Zeiten der Occupy-Camps in Frankfurt geschrieben wurde, besonders reizt, ist die Tatsache, dass wir alles auch noch individuell erweitern konnten“, erklärt Christl.

So finden auch Themen um Flüchtlingskrise und AfD Einzug in das Stück, das die Entwicklungen der Gesellschaft der vergangenen Jahre mit verschiedenen Strängen von Liebesgeschichten vermischt. „Es geht um die Suche nach dem eigenen Platz und der eigenen Aufgabe – im Leben sowie in der Gesellschaft“, fasst sie die Geschichte zusammen.

Die Jüngste im Ensemble und zudem eine der wenigen, die nicht schon seit Jahren Teil des Kulturprojekts ist, ist die 18-jährige Stella Berker, die über das Kirchenprogramm auf den Workshop aufmerksam wurde: „Für mich ist es das erste Mal, dass ich in einem Theaterstück dieses Ausmaßes auf der Bühne stehe, aber ich freue mich sehr auf die Aufführungen. Schließlich konnte ich mir bei den anderen auch schon eine Menge abschauen.“ Dass sie nach der Produktion am Ball bleibt und auch bei anderen Congusto-Projekten wieder auf der Bühne steht, kann sie sich gut vorstellen.

„Doch jetzt geht es erst mal darum, die ersten Aufführungen gut hinter uns zu bringen“, sagt Kim Reuter, der der Premiere schon genauso entgegenfiebert. „Beim Vorverkauf macht uns aktuell nämlich die Fußball-Europameisterschaft einen ganz schönen Strich durch die Rechnung“, schmunzelt er und hofft dennoch auf ein einigermaßen volles Haus bei den Wochenendvorstellungen. „Wir sind guter Dinge, dass das Stück gerade wegen seiner Aktualität viele Besucher anzieht.“

Erschienen in: Frankfurter Neue Presse

 

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