Literarische Reise ins Ungewisse

Das Neckartal durch die Augen Anderer zu ergründen, während man sich mit der S-Bahn durch die Region bewegt: Dieser Aufgabe haben sich die drei Autoren Julia Wolf, David Wagner und Anis Hamdoun beim Matchbox-Projekt „Fahrtenschreiber“ gestellt. Sandra Kathe traf Julia Wolf vor Beginn der Recherche in Heidelberg und sprach mit ihr über die Herausforderungen des Projekts, die Bedeutung von Heimat und die Rolle, die das In-Bewegung-Bleiben in Wolfs Leben spielt.

Verabredet sind Julia Wolf und ich am Heidelberger Hauptbahnhof. Der Vorplatz des Verkehrsknotenpunkts mit den vielen Fernzug- und S-Bahnverbindungen ist mit Passanten und Reisenden gut gefüllt. Ich bin deshalb dankbar, dass mir die Autorin den Tipp gegeben hat, nach einem gelben Mantel Ausschau zu halten. Eine Information, die wohl auch in anderen Situationen von Nutzen sein wird: bei Treffen mit den Autorenkollegen oder mit einer jungen Frau, die sie mit auf ihren täglichen Pendlerweg nehmen will, und womöglich auch bei anderen, spontanen Begegnungen. Denn was Julia Wolf im Neckartal erwartet, ist zu diesem Zeitpunkt für sie fast genauso offen wie das, was sie am Ende literarisch daraus macht.

Frau Wolf, wie kamen Sie zum Matchbox-Projekt?
Julia Wolf: Während meiner Residenz im Künstlerhaus Edenkoben wurde ich im Frühjahr zum „Lied.Lab“ [eine Veranstaltungsreihe des Musikfestivals „Heidelberger Frühling“, Anm. d. Red.] hier in Heidelberg eingeladen und dann auch relativ schnell auf Matchbox angesprochen. Das war ein Ansatz, der mich auf Anhieb begeisterte – auch wenn mich die Auftragsarbeit und der Zeitdruck, die damit verbunden sind, im Vorfeld ein wenig beunruhigen. (lacht)

Gab es da einen besonderen Reiz?
Wolf: Der erste Reiz war, dass ich mich in meiner Zeit in Edenkoben hier in der Region sehr wohl gefühlt habe und gerne zurückkommen wollte. Der zweite Grund für die schnelle Zusage war die Freiheit, die das Projekt für uns als Autoren mit sich bringt. Für mich war die Chance, hier mitzumachen, eine Einladung, als Autorin mit etwas komplett Neuem zu spielen. Das macht „Fahrtenschreiber“ für mich extrem spannend.

Aber ganz unvorbereitet sind Sie doch nicht hierhergekommen. 
Wolf: Nein, im Gegenteil. Ich habe mir im Vorfeld viele Gedanken gemacht, zu Geschichten und Menschen, die mich interessieren würden. Herausgekommen ist dabei, dass ich mich während meiner Fahrten durch die Region mit einem Tierpräparator und einem Küfer verabredet habe, um ihnen bei der Arbeit über die Schulter zu sehen. Das ändert aber noch nichts daran, dass ich noch überhaupt nicht abschätzen kann, was am Ende daraus entsteht.

Für Julia Wolf ist die mehrtägige Residenz erst ihr zweiter Besuch in der Stadt am Neckar, den die Autorin nicht nur wegen des Abstechers ins Thermalbad – einem der für sie schönsten Freibäder Deutschlands – am Vormittag sehr genießt. Dass die Stadt Raum für Kurioses bietet, zeigen vor allem zwei asiatische Pärchen in voller Hochzeitsmontur, die in Limousinen vorfahren und dabei die Blicke Schaulustiger auf sich ziehen. Es sind Momente wie dieser, in denen Julia Wolf ihre Beobachterrolle schmunzelnd genießen kann. Eine Rolle, die sie auch auf vielen Bahnfahrten oft zu schätzen weiß.

Welche Rolle spielt für Sie die Mobilität bei „Fahrtenschreiber“?
Wolf: Für mich ist gerade das Zugfahren das Spannendste an der Sache, weil ich einfach immer wieder erlebe, wie unterhaltsam es sein kann, Menschen und Gespräche zu beobachten – ohne Teil der Situation zu sein. Da kann es auch sicher passieren, dass ich spontan Situationen aufschnappe, die es wert sind, Teil des Ergebnisses zu werden.

Dabei sind es ja Alltagssituationen, die da erlebt werden. 
Wolf: Aber genau das kann das Bild ja auch ausmachen. Die Menschen, die Tag für Tag mit der Bahn zur Arbeit und zurück pendeln, sind vielleicht genervt, vielleicht ja auch ganz entspannt. Was passiert, ist absolut nicht vorhersehbar.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man es als Autorin gewohnt ist, seine Geschichten komplett selbst in der Hand zu haben?
Wolf: Diesem Aspekt sehe ich eigentlich vor allem spielerisch und mit großer Neugier entgegen, weil morgen schon Ideen da sein können, an die ich heute noch gar nicht denke. Der große Unterschied zu meiner Arbeit als Autorin ist eher das zielorientierte Arbeiten und der Gedanke daran, dass am 11. Oktober Zuhörer in den Karlstorbahnhof kommen, denen ich etwas präsentieren will. Bei Buchprojekten habe ich diesen Zeitdruck über weite Strecken einfach nicht.

Ein Stichwort, das bei dem Projekt zwangsläufig eine Rolle spielt, ist der Begriff „Heimat“. Für Julia Wolf gibt es eine Menge Orte, die sie als solche bezeichnen würde. Ihre Kindheit verbrachte sie in der Gemeinde Wallerstädten im hessischen Kreis Groß-Gerau, einige Jahre ihrer Jugend in Frankfurt am Main – der Stadt, in der sie auch den Verlag fand, der an sie und ihre Romanideen zu „Alles ist jetzt“ und „Walter Nowak bleibt liegen“ glaubte. Vor 16 Jahren zog es Julia Wolf zum Studium der Literaturwissenschaften nach Berlin, wo sie seit einem knappen Jahr ihre Wohnung untervermietet hat, um seitdem für Autorenstipendien immer wieder neue Orte zu erforschen. Wewelsfleth in Schleswig-Holstein, die MacDowell Colony in New Hampshire (USA) und das Künstlerhaus Edenkoben gehörten zu den Stationen auf ihrem Weg, der ihr gezeigt hat, dass Heimat ein Stück weit überall sein kann.

Welche Rolle spielt das Entdecken einer fremden Region bei Ihrer Recherche?
Wolf: Mich interessiert das Neckartal da schon als eine Art Mikrokosmos, dessen Koordinaten ja auch durch die S-Bahn-Linie abgesteckt sind. Aber mein Schwerpunkt wird eher auf den Geschichten und Menschen liegen, denn so fremd ist mir die Gegend ja auch nicht.

Glauben Sie, es wäre eine einfachere Aufgabe, Fahrtenschreiber an einem Ort zu sein, der einem vertraut ist? 
Wolf: Ich denke, da würden Vorprägungen und Erfahrungen schon einige Dinge einfacher machen, weil man auf eigene Geschichten zurückgreifen kann. Für mich ist es aber eine besondere Herausforderung, das alles nicht zu haben.

Erschienen in: Matchbox Blog

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